🛑 Er weist jeden wieder aus seinem Zimmer, berichtet mir meine Kollegin aus der Pflege etwas verzweifelt. Dabei würde sie dem Patienten gerne Unterstützung geben.
Was steckt wohl dahinter?

Mit dieser inneren Frage gehe ich zu dem noch recht jungen Herrn.

Zuerst einmal muss er seinen Ärger loswerden: „Ständig kommen Leute rein und wollen etwas von mir!“

Diesen Ärger unterstütze ich. Argumentiere nicht dagegen. Er hat Berechtigung. Und außerdem würde diese starke Emotion ansonsten unser Gespräch blockieren.

Danach versuche ich gemeinsam mit ihm zu verstehen, was wohl dahintersteckt:

Es ist das Bedürfnis, nicht als Kranker und Bedürftiger behandelt zu werden. Selbst ein freundliches Hilfsangebot stößt ihn in diese Rolle. In der er nicht sein will.

Der Kontext:
Die Krebs-Diagnose erhielt er erst vor wenigen Monaten, vor kurzem kam dann die Mitteilung: unheilbar. Er ist dankbar, im Hospiz zu sein, dennoch will er so weit wie möglich ein normales und selbständiges Leben leben. So nachvollziehbar!

Vieles davon ist sogar noch möglich: Er kleidet sich alleine an, holt sich selbst die Mahlzeiten aus der Küche, geht auf dem Flur umher.

Warum ist er dann hier? Der Tumor sitzt an einer sehr riskanten Stelle. Da braucht er unbedingt Menschen um sich herum, die ihn im Notfall versorgen. Damit fĂĽhlt er sich sicher.

âť“In der Fallbesprechung stellen wir uns Fragen:

– Was braucht er von uns, um aus seiner Defensive herauszukommen?

Denn sonst läuft er Gefahr, Hilfe auch dann abzulehnen, wenn er sie tatsächlich braucht.

– Können wir ihm seine Autonomie lassen? Wie weit?

– Wieviel FĂĽrsorgepflicht haben wir?

Es geht um ethische Fragestellungen. Auf hohem Niveau miteinander diskutiert. Zum Wohle des Patienten.

Fazit:

Meine Kollegen aus der Pflege werden ihre Hilfsangebote zurückschrauben, ihm bei Dienstantritt nur freundlich mitteilen, dass sie da sind. Und ihn dann in Ruhe lassen. Anstatt fürsorglich werden sie sachlich mit ihm sprechen. Und sie schauen von Tag zu Tag, ihm die größtmögliche Autonomie zu lassen, ohne Hilfebedarf zu übersehen. Eine großartige Kompetenz!

Meine Aufgabe als Therapeutin:

Ich werde weiter mit ihm Gespräche führen, um dem großen Schmerz aufgrund der plötzlichen Verluste einen Platz zu geben. Einen Platz, den er selber wählt. Oder auch nicht.

đź“”Was sagt die WHO dazu?

Leiden ist nicht immer primär körperlich verursacht.

Die Palliative Versorgung zielt auf Verbesserung der Lebensqualität. Dafür werden neben den physischen auch die psychosozialen Probleme berücksichtigt. *

➡️ Den Menschen als Ganzes sehen!

Darum geht es bei #KommunikationOhneWorte. Eine Haltung, die sich im Verhalten realisiert. Das vermitteln wir Gesundheitsberufen in D-A-CH-L seit über 20 Jahren.

*Sepulveda C, Marlin A, Yoshida T et al (2002) Palliative care: the World Health Organization’s global perspective. J Pain Symptom Manage 24:91–96