ūüė§ Er ist aggressiv, wird uns bei der Aufnahme des Patienten mitgeteilt. Er schlage und wehre die Versorgung ab.

Unser erster Eindruck:

Der Patient, Mitte 70, erkrankt an einem Tumor des lymphatischen Systems, sitzt im Rollstuhl.

Er reagiert verängstigt er auf die neue Umgebung. Er verliert den roten Faden im Gespräch und kann neue Informationen nicht behalten.

Der Einstieg:

Im Zimmer angekommen setzt sich meine Pflegekollegin erst einmal zu ihm. L√§chelt ihn an und stellt sich vor. ‚ÄěHallo Herr X. Herzlich Willkommen. Ich bin Schwester Sophie. Ich bin f√ľr Sie da.‚Äú Kurze S√§tze macht sie, l√§sst Pausen dazwischen und schaut ihn dabei freundlich an.

Sie macht es ihm gem√ľtlich, stiftet Ruhe, √ľberfordert ihn auch nicht mit Fragen.

Fazit: Er muss sich gegen nichts wehren, denn er wird ernst- und angenommen.

Und allmählich weicht die erste Anspannung. Gut investierte Minuten.

‚ĚďIn der n√§chsten Fallbesprechung besch√§ftigen wir uns mit den Fragen:

  • Gibt es Symptome, an denen er leidet, die ihn gereizt sein lassen?
  • Was braucht er von uns, um sich wohl zu f√ľhlen?
  • Was kann er, worin k√∂nnen wir ihn unterst√ľtzen?
  • Was mag er √ľberhaupt nicht?

Meine Aufgabe …

‚Ķ als Therapeutin ist, ihn kommunikativ zu erreichen, emotional anzusprechen, Ausl√∂ser f√ľr Gereiztheit zu identifizieren, ihm ggf. aus seiner Anspannung herauszuhelfen. Letztlich ihm zu helfen, bei sich selbst anzukommen.

Was stelle ich fest?

Unterhalten kann er sich nicht. Da verliert er sich.
Fernsehen verwirrt ihn, denn er weiß nicht mehr, was Wirklichkeit ist und was Fiktion.
Fotos schaut er dagegen gerne an. Da lebt er auf. Und kommentiert.
Sein Witz kommt zum Vorschein. Und immer häufiger lachen wir zusammen.
Wir alle entdecken ihn. Und suchen Wege zu ihm, die er mag.

Ein aggressiver Patient?

Nicht ein einziges Mal haben wir das erlebt. Dass er mal gereizt war, sicher.

Wurde dies als sein Willensausdruck akzeptiert, musste er nicht bis in die Aggression gehen, um sich zu verteidigen oder durchzusetzen.

ūüĒé Was sagt die Forschung dazu?

‚õď Zwangsma√ünahmen sinken, wenn ‚Ķ

  • der Umgang mit dem Patienten respektvoll ist
  • der Patienten positiv gew√ľrdigt wird
  • wertsch√§tzend und individuell mit ihm umgegangen wird
  • auf Pr√§vention Wert gelegt wird
  • ihm so viel Kontrolle wie m√∂glich gegeben wird
  • das Team reflexionsf√§hig ist*

Mit #KommunikationOhneWorte identifizieren wir die ersten Momente der Gereiztheit eines Patienten und integrieren diesen Willensausdruck in unser Handeln.

Wir lehren wertsch√§tzende nonverbale Kommunikation f√ľr Gesundheitsberufe. Damit Sprachlosigkeit nicht in Stress m√ľndet.
*Lang, U. E., Walter, M., Borgwardt, s., & Heinz, A. (2016). √úber die Reduktion von Zwangsma√ünahmen durch eine „offene T√ľrpolitik“. Psychiatr Prax, 43(6), 299-301.